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Charles Lindbergh überfliegt den Atlantik – und schreibt "Wir zwei"

In die Geschichte eingegangen ist Charles Lindbergh durch seine spektakuläre Atlantiküberquerung im Mai 1927. Aber auch sein Leben als Flieger vor diesem historischen Ereignis war von Abenteuern geprägt. In seiner Autobiografie »Wir zwei« schildert er nicht nur seinen historischen Flug von New York nach Paris, sondern auch die kuriosen und spannenden Erlebnisse während seiner Zeit als Schauflieger, bei der Ausbildung als Heeresflieger und im Dienst der Luftpost. Dabei musste sich der spätere Held der Luftfahrtgeschichte mehr als einmal mit dem Fallschirm retten.

Am Boden wogte leichter Dunst, aber der Himmel war praktisch klar mit einigen vereinzelten Cumuluswolken. 25 km nordöstlich von Peoria brach die Dunkelheit ein. Ich flog nach Kompass und orientierte mich anhand der Lichter der unter mir liegenden Städte, bis wenige Meilen nordöstlich von Marseilles und dem Illinois River eine lang gestreckte Nebelbank heranrollte.

Der Nebel reichte vom Boden aus bis in eine Höhe von 180 m. Da ich nicht unter dem Nebel fliegen konnte, drehte ich um und versuchte, eine Leuchtpatrone abzuschießen und in deren Licht zu landen. Die Patrone ließ sich jedoch nicht abfeuern, sodass ich wieder Kurs auf Maywood (den Luftposthafen von Chicago) nahm und hoffte, über dem Landeplatz eine Lücke im Nebel zu finden. Eine Untersuchung der Patrone zeigte, dass sie wegen eines zu kurzen Abzugshebels versagt hatte. Wenn ich das Auslösekabel ganz herauszog, konnte ich sie jedoch trotzdem verwenden.

Endlich sah ich ein mattes Glühen im Nebel, das auf eine Stadt darunter hindeutete. Im Nebel waren mehrere dieser Lichtflecke zu erkennen, allerdings nur dann, wenn man vom Mond wegblickte. Ich wusste, dass es sich um die Ortschaften rund um Maywood handelte, konnte die genaue Lage des Flugfeldes jedoch nicht bestimmen, obwohl die Suchscheinwerfer nach oben gerichtet und zwei Benzinfässer angezündet worden waren, um meine Aufmerksamkeit zu erheischen. Mehrmals stieg ich bis zur Oberseite der Nebelbank herunter. Der Himmel über mir war bis auf einige vereinzelte Wolken klar, und der Mond und die Sterne leuchteten hell. Nachdem ich 35 Minuten lang im Kreis geflogen war, wandte ich mich westwärts, um mich vom Michigan-See freizuhalten, und versuchte die Lichter der transkontinentalen Eisenbahnlinie ausfindig zu machen.

Nachdem ich 15 Minuten lang westwärts geflogen war und immer noch keine Lücke im Nebel gefunden hatte, drehte ich auf Südwestkurs, um das Ende der Nebelbank südlich des Illinois River zu erreichen. Um 20.20 Uhr setzte der Motor aus, weshalb ich auf Reserve schaltete. Zu diesem Zeitpunkt war ich nur 450 m hoch. Da der Motor nicht so rasch wieder anlief, wie ich gehofft hatte, schob ich die Taschenlampe in meinen Gürtel und bereitete mich schon darauf war, die Fallschirm-Leuchtpatrone auszulösen und auszusteigen, als der Motor endlich ansprang. Eine zweite Prüfung ergab, dass der Haupttank leer war, sodass mir nur noch höchstens 20 Minuten Flugzeit blieben.

Es gab keine Lücken im Nebel, weshalb ich beschloss, die Maschine zu verlassen, sobald der Reservetank erschöpft war. Ich versuchte, das Frachtabteil zu öffnen, um die Postsäcke abzuwerfen, bevor ich sprang, konnte den vorderen Verschluss aber nicht öffnen. Ich wusste, dass die Gefahr eines Brandes angesichts der leeren Tanks sehr gering war, und versuchte, wieder Höhe zu gewinnen. In diesem Moment sah ich für wenige Sekunden ein Licht am Boden – das erste seit fast zwei Stunden. Da ich noch genügend Benzin für fast 15 Minuten Flugzeug hatte, glitt ich auf 370 m herunter und zog das Auslösekabel für die Leuchtpatrone, als ich nach meiner Schätzung so nahe wie möglich über der Stelle befand, an der sich das Licht gezeigt hatte. Dieses Mal konnte ich die Patrone abfeuern, allerdings erleuchtete sie nur die Oberfläche einer massiven Nebelbank, in der sie dann verschwand, ohne mir auch nur irgendeine Spur des Bodens gezeigt zu haben.

Ich hatte noch für sieben Minuten Benzin im Tank. Als ich durch den Nebel den Widerschein einer Stadt sah, wandte ich das Flugzeug dem offenen Gelände zu und zog die Nase hoch. Auf 1500 m Höhe angelangt, begann der Motor zu stottern und fiel dann ganz aus. Ich kletterte auf die Verkleidung und über die rechte Cockpitseite nach draußen und zog nach einem Sturz von 30 m den Auslöser. Der Fallschirm, ein Irving-Militärtyp, funktioniert einwandfrei. Die Haltegurte rissen mich, nachdem ich kopfüber gestürzt war, in die aufrechte Position, und die Kappe öffnete sich. Ich zog die Taschenlampe aus dem Gürtel und richtete sie nach unten auf die Oberfläche der Nebelbank, als ich plötzlich den Motor meines Flugzeugs hörte. Bei meinem Absprung war der Motor nicht mehr gelaufen, und ich hatte versäumt, ihn auszuschalten. Als das Flugzeug nun mit der Nase voran in die Tiefe stürzte, war offensichtlich noch ein Rest Benzin in den Vergaser gelaufen. Die Maschine kam schon bald in Sicht, ungefähr eine Viertelmeile entfernt, aber mit Kurs auf meinen Fallschirm. Ich stopfte die Lampe in eine der Taschen meines Fliegeranzugs, um beide Hände frei zu haben, sodass ich meinen Schirm falls notwendig aus dem Weg steuern konnte. Das Flugzeug trudelte in einer linksdrehenden Spirale von etwa einer Meile Durchmesser nach unten und passierte mich in ungefähr 300 m Entfernung, wobei ich außerhalb der Kreise blieb, die sie zog. Ich konnte nicht erkennen, ob ich oder das Flugzeug schneller fiel, und manövrierte meinen Fallschirm so schnell wie möglich von dem Spiralkurs der Maschine weg wie nur möglich. Das Flugzeug verschwand vollständig aus meiner Sicht, kam dann aber nach einigen Sekunden wieder zum Vorschein, wobei es ebenso schnell fiel wie mein Fallschirm. Ich zählte fünf Umdrehungen, jede immer ein bisschen weiter von mir entfernt als die letzte, bevor ich die Nebelbank erreichte.

Als ich in den Nebel eindrang, wusste ich den Erdboden 300 m unter mir. Ich suchte nach meiner Taschenlampe, musste aber feststellen, dass ich sie verloren hatte. Weder die Erde noch die Sterne waren zu sehen, und ich hatte keine Ahnung, was für Gelände unter mir lauerte. Ich kreuzte die Beine, um mich nicht im Geäst oder in Drähten zu verheddern, deckte mein Gesicht mit den Händen ab und wartete. Schließlich sah ich den Boden und befand mich im nächsten Moment auch schon in einem Maisfeld. Die Pflanzen ragten über meinem Kopf auf, und die Kappe lag auf den Wipfeln. Ich packte den Schirm in Windeseile zusammen und machte mich auf den Weg durch eine der Gassen zwischen den Reihen. Die Sichtweite am Boden betrug 30 m. Nach wenigen Minuten erreichte ich ein Stoppelfeld mit Wagenspuren, denen ich einen halben Kilometer bis zu einem Gehöft folgte. Dort angekommen, sah ich Scheinwerferlicht, das von der Straße herüberspielte. Da ich dachte, jemand hätte das Wrack meines Flugzeugs gefunden, machte ich mich auf den Weg zu dem Auto. Die Insassen fragten mich, ob ich den Flugzeugabsturz gehört hätte. Es bedurfte einiger Zeit, um ihnen zu erklären, dass ich der Pilot war, aber selbst nach der Maschine suchte. Bevor ich die Leute überzeugen konnte, musste ich erst meinen Fallschirm als Beweis vorzeigen. Der Farmer war ebenso wie alle anderen Einwohner im Umkreis von fünf Kilometern sicher, dass das Flugzeug sein Haus nur knapp verfehlt hätte und ganz in der Nähe abgestürzt war. Tatsächlich fanden wir an der Stelle, an der er es aufschlagen gehört hatte, einige Stangen. Wir brachten eine Viertelstunde damit zu, in der Nähe nach dem Wrack zu suchen. Als das keinen Erfolg hatte, gingen wir zu dem Gehöft, um eine Suchmannschaft zusammenzustellen und nach St. Louis und Chicago zu telefonieren.

Ich wollte gerade das Ferngespräch anmelden, als das Telefon klingelte und wir darüber informiert wurden, dass das Flugzeug über drei Kilometer entfernt in einem Maisfeld gefunden worden war. Da wir im Nebel nur langsam fahren konnten, brauchten wir mehrere Minuten, bis wir die Absturzstelle erreichten. Als wir ankamen, hatte sich dort bereits eine kleine Menschenmenge um das Flugzeug versammelt, das zu einem Knäuel verformt war. Die Maschine hatte ein Bauernhaus nur knapp verfehlt und war dann einen halben Kilometer entfernt mit der linken Tragfläche in einem Haufen Getreidegarben hängengeblieben. Sie war auf der linken Tragfläche und dem linken Rad aufgekommen und dann 80 m weiter über den Boden geschlittert, wobei sie einen Zaun durchschlagen hatte. Schließlich war sie 100 m von einer Scheune entfernt am Rand eines Maisfeldes zum Stehen gekommen. Das Frachtabteil war aufgerissen, und ein Postsack lag auf dem Boden. Die Post selbst hatte jedoch keinen Schaden genommen.

Der Sheriff von Ottawa traf ein, und wir nahmen die Post zum Postamt von Ottawa mit, wo wir sie um 3.30 Uhr dem Zug nach Chicago übergaben.

Als das Wrack einige Tage später untersucht wurde, stellte sich heraus, dass die Wartungstechniker den 420-l-Tank zur Reparatur ausgebaut durch einen 320-l-Tank ersetzt hatten, ohne irgendjemand darüber zu informieren. Daher war mir der Treibstoff noch über der Nebelbank ausgegangen, ohne dass es mir möglich gewesen wäre, noch nach Peoria zurückzukehren, wo gute Sicht herrschte.

Weitere spannende und amüsante Geschichten über den Werdegang von Charles Lindbergh einschließlich seiner berühmten Atlantiküberquerung finden Sie in diesem Buch:

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